Männliche Depression – Ein Gastartikel von Chris Stehlik

Männliche Depression

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Statistisch betrachtet wird die Mehrheit der psychischen Krankheiten bei Frauen diagnostiziert. So wird zum Beispiel die Diagnose Depression etwa bei doppelt so vielen Frauen als Männern gestellt. Angst- und Essstörungen gelten als „typisch weiblich“, während wir Alkohol- und Drogenmissbrauch oder Selbstmorde häufiger bei Männern finden. Allerdings zeigt sich immer öfter, dass die Anzahl der betroffenen Männer massiv unterschätzt wird.

Auch wenn Depressionen immer häufiger auch von Männern öffentlich gemacht werden (männliche Promis), sind geschlechtsspezifische Vorurteile in diesem Bereich noch immer weit verbreitet. Wir können jedoch mit ziemlicher Sicherheit annehmen, dass Männer genauso häufig an Depressionen leiden die Frauen.

Aber: Depressive Männer haben eine andere Symptomatik.

Während Frauen häufiger unter Antriebslosigkeit und Unruhe leiden, sind Männer eher aggressiv, reizbar und neigen zu Wutanfällen, übermäßigem Alkoholkonsum oder beleidigendem Verhalten. Das ist die typische „männliche Depression“. Laut einer Studie der University of Michigan gleichen sich jedoch die Symptome von Depressionen bei Männern und Frauen an, je schwerer diese verläuft.

Ein weiterer Grund in der unterschiedlichen Wahrnehmung von Depressionen liegt in der männlichen Psyche. Die Selbstaufmerksamkeit bei Männern ist geringer gepaart mit einer höheren Toleranz für Symptome. Männer sind seltener bereit, über ihre psychische Verfassung zu reden. Nach wie vor wird das von vielen Männer als Schwäche empfunden.

Und genau in dieser Selbstwahrnehmung von Männern liegt ein häufiger Auslöser von Depression, nämlich das Gefühl, den eigenen Erwartungen nicht gerecht werden zu können. Gründe sind zum Beispiel Mobbing am Arbeitsplatz, schlechte Bezahlung oder Arbeitslosigkeit. Auch Scheidung und die Trennung von den eigenen Kindern sind häufig Auslöser.
Frauen leiden stärker, wenn sie soziale Krisen durchleben. Überlastung in Beruf und Familie (Alleinerzieherinnen) verbunden mit geringer oder keiner Unterstützung von Familie oder Freunden führen bei Frauen oft in eine Depression.

Ein weiterer alarmierender Wert zeigt sich in der Selbstmordstatistik. Männer nehmen sich dreimal so häufig das Leben die Frauen (nicht eingerechnet ist die Dunkelziffer bei Unfällen mit Todesfolge). Suizid kommt nicht aus heiterem Himmel. In der Mehrheit aller Fälle geht eine Depression voraus.

Der aktuelle Männergesundheitsbericht stellt fest, dass Depression nur bei 30-35% der Betroffenen diagnostiziert wird und nur bei ca. 7% wird die Krankheit entsprechend behandelt. Alarmierend oder? Krankenstände und frühe Renten haben auf jeden Fall dramatisch zugenommen. Das liegt einerseits an der Zunahme der Erkrankungen aber ebenso an einer gesteigerten Aufmerksamkeit in der Gesellschaft. Denn auch wenn Männer generell „ärtzescheuer“ sind als Frauen, finden sie doch vermehrt den Weg in die Praxis eines Psychologen oder Beraters als vor 20 Jahren.

Die Belastungen in unserer modernen Gesellschaft haben zugenommen. Verantwortung für die Familie, kein Eingebundensein in die Großfamilie von damals, Jobunsicherheit, ständige Erreichbarkeit und hektische Mobilität begünstigen Depressionen für Frauen und Männer. Aktuelle Diskussionen rund um das so genannte „Burnoutsyndrom“ dienen erfreulicherweise dazu diese Belastungsfaktoren zu erkennen und darauf zu reagieren (eine Initiative in Graz ist der Verein ABOB).

Männliche Depression ist immer mit einer Krise der traditionellen Männerrolle verbunden.

Der erwähnte Männergesundheitsbericht zeigt zwar, dass Männer seltener zum Arzt gehen als Frauen, aber keine „Vorsorgemuffel“ sind. Der Schlüssel liegt in der Art und Weise, wie Angebote und Hilfestellungen den Männern präsentiert werden. Männer benötigen häufig andere Methoden und andere Werkzeuge als Frauen.

Ein Beispiel aus meiner Beratungspraxis: Das klassische Vieraugengespräch, normalerweise im Sitzen durchgeführt, ist bei vielen Männern mit negativen Erfahrungen belegt (jahrelanges Sitzen in der Schule, unangenehme Gespräche im Job usw.). Jedoch fällt es Männern oft leichter bei einem Spaziergang in der freien Natur über ihre Probleme zu sprechen (der ständige, erzwungene Blickkontakt fällt weg).
Auch die Informationsquelle Internet wird von Männern wesentlich häufiger benutzt, wenn es um gesundheitliche Fragen geht.

Ebenso wird die regelmäßige Teilnahme an Männergruppen von allen Beteiligten als Balsam für die Seele empfunden und dient darüber hinaus der Neuentdeckung der eigenen Männlichkeit. Wenn unsere Gesellschaft diese Form des Zusammenkommen nicht so häufig an den Biertisch verdrängen würde, sondern die echte Kultur der männlichen Gesprächsrunden wieder vermehrt pflegen würde, gäbe es ausgeglichenere, zufriedenere und gesünderen Männer in unserer Welt.

Danke an Chris Stehlik!

Chris Stehlik blogged und arbeitet u.a.  zum Thema „Typisch Mann“ schon seit vielen Jahren und beleuchtet dabei das Männerbild in unserer Gesellschaft von vielen verschiedenen Seiten. Einen Eindruck von seiner Arbeit können Sie sich hier -> machen (Bitte anklicken!)

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